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Ad(H)S und Autismus bei erwachsenen frauen - das interview

AD(H)S im Erwachsenenalter - Interview

Hier finden Sie ein Interview, dass ich mit einer erwachsenen AD(H)S ´ler geführt habe, und dies mit Ihrer Genehmigung veröffentlichen darf.  Diese Dame erhielt Ihre Diagnose mit über 50 Jahren - ADHS und Autismus....Bis zu dieser Diagnose bekam Sie immer wieder das Gefühl vermittelt, "unnormal" zu sein, Ihr Leben nicht bewältigen zu können, "nichts auf die Reihe zu bekommen"...Die Diagnose war eine Erleichterung für Sie und Sie konnte Ihrem Leben, mit Hilfe eines Online - Coachings bei ADHS, eine neue Wende geben und strukturierter und glücklicher Leben.

Das Interview - AD(H)S und Autismus....

Eine erwachsene Frau berichtet....

Frau L. ist eine erwachsene Frau mit der Diagnose AD(H)S und Autismus und besucht einmal pro Woche ein Coaching für erwachsene Betroffene. In diesem Interview gewährt sie Einblick in die Denk – und Gefühlswelt von AD(H)S und Autismus.

C. W: „Frau L. wann bekamen sie ihre Diagnose AD(H)S und Autismus?“

Frau L: „2015, also im Alter von 52 Jahren. Der Weg zur Diagnose war anstrengend und Kräfte zehrend. Ich wusste immer, dass da irgendwas ist, aber geglaubt hat mir niemand so wirklich“.

C.W: „Ihre Diagnosen kamen ja nun doch recht spät. Wie hoch schätzen sie persönlich, aus ihrer Erfahrung, die Dunkelziffer erwachsener AD(H)S ´ler und Autisten“?

Frau L: „Ich schätze die Dunkelziffer für Frauen sehr hoch ein. Ich denke, dass viele Erwachsene und vor allem Frauen denken, ihre Auffälligkeiten „gehören einfach zu ihnen“ und dass sie damit leben müssen. Ich persönlich denke, dass die Diagnosekriterien im ICD10 für das Asperger – Syndrom ( Internationales Klassifikationssystem der Krankheiten )auf Männer ausgerichtet sind. Frauen allerdings lernen als Kinder schon zu kopieren und sich anzupassen. Durch dieses erlernte anpassen, fallen viele Frauen mit Autismus und auch ADS nicht auf und erhalten niemals eine Diagnose für ihr „anders sein“.

C.W: „Wie hat die für sie so spät gestellte Diagnose ihre Kindheit und ihr Leben beeinflusst? Wie war ihre Schulzeit?“

Frau L: „Für mich persönlich hat sich die nicht gestellte Diagnose dramatisch ausgewirkt. Ich gehe soweit, dass ich von mir behaupte dass einige meiner Krankheiten aufgrund des hohen Stresses in der Kindheit und Jugendzeit entstanden sind. Man weiß ja heute, dass Dauerstress krank macht und ich hatte mein Leben lang Dauerstress. Der Stress entstand durch ein Leben voller Kompensation und „antrainieren“ von Lebensregeln und ich konnte nie nach außen „ICH“ sein. Ich habe nie aufgehört zu denken, auch im Schlaf nicht. Ich, als Asperger – Autist mit AD(H)S habe ja immer versucht, die „Puzzleteile“ des Lebens zusammen zu setzen und mein Gehirn hatte nie „Feierabend“ – dass oft wie ein Hamsterrad, aus dem man einfach nicht raus kommt. Ich habe immer unter Stress gestanden, mein ganzes Leben lang, seit meiner Kindheit und das macht krank, aber niemand hat die Ursache für all die Krankheiten gefunden und somit ging der Stress immer weiter.

Ich konnte durch das fortwährende denken, kompensieren und anpassen nie nach außen „ICH SELBER“ sein – ich war immer „JEMAND ANDERS“.

Meine Schulzeit war eine Katastrophe. Durch die ständige, nie aufhörende Reizüberflutung war mir immer alles zu viel. Ich bin aufgrund der ständig einströmenden Reize, die ich nicht ausschalten konnte aus dem Kindergarten und der Schule weg gelaufen. Ich hatte einfach das Gefühl „ich kann nicht mehr“. Diese ständigen Reize, Stimmen, Menschen, visuelle Reize, eine Welt die ich nicht verstehe, haben mich einfach überfordert.

Das Weglaufen aus der Schule und das aufgrund der Reizüberflutung nicht funktionierende Lernen führte natürlich zu Diskussionen mit Lehrern und Eltern. Irgendwann stand ihre Diagnose dann fest „ renitent faul, nicht in der Lage, sich zu konzentrieren und kann – aber will nicht“. Ich musste dann auch zwei Klassen wiederholen, weil ich einfach nicht lernen konnte. Da ich immer gedanklich mit der Welt beschäftigt war, die ich nicht verstand und immer nur „nachmachen“ und Kompensieren musste, war mein Kopf zu, da ging kein Schulstoff mehr rein.

In der 5. Klasse war wieder krank und musste ins Krankenhaus. Da habe ich gemerkt, dass mir das gut tut. Im Krankenhaus hatte ich meine Ruhe und konnte mich „sammeln“ und „finden“, die Krankenhausaufenthalte taten mir gut und ich konnte mich erholen. Irgendwann während einem neuen Krankenhausaufenthalt habe ich aber für mich die Entscheidung getroffen, dass das so auch nicht geht. Ich habe die Entscheidung gefällt, dass ich irgendwie „gesellschaftsfähig“ werden muss. Ich habe leidvoll erfahren, dass ich nur „durch´s Leben“ komme, wenn ich „sozialfähig“ werde. Ich habe mir dann das beliebteste Mädchen der Klasse ausgeguckt, und dieses Mädchen regelrecht „studiert“ und sie dann kopiert. Ich war eine Kopie dieses Mädchens und habe ihre Redewendungen, ihre Sprache und auch ihren Kleiderstil übernommen. So wurde ich im Laufe der Zeit „gesellschaftsfähig“ – aber nicht „ICH SELBER“.

Mein Glück ist, und das gebe ich ganz ehrlich zu, ich bin Hochbegabt und landete mit 16 Jahren im Internat und habe dort auch mein Abitur gemacht – wie auch immer, ich das geschafft habe. Aber ich sage auch ganz klar, dass es die nicht diagnostizierten Betroffenen, die nicht mit einem Stück Hochbegabung „gesegnet“ sind, viel, viel schwerer haben als ich damals.“

C.W: „Ich stelle mir das ständige Kompensieren anstrengend vor. Wie fühlt sich das an, wenn man sich immer nur Strategien einfallen lassen muss?“

Frau L:“ Man fühlt sich oft wie auf einem fremden Planeten. Ich hatte mein wirkliches „ICH“ immer in mir, das war nie weg und das habe ich auch gefühlt. Aber ich habe auch gemerkt, dass mein eigentliches „ICH“ nicht zu dieser Welt und zu dieser Gesellschaft passt.

Die Menschen um mich herum meinen Dinge oft anders, als ich es verstehe – die Welt ist oft anders, als ich sie verstehe. Ich fühlte mich irgendwie oftmals fremd auf diesem Planeten.“

C.W: „Wo liegt im Gegensatz zu anderen Menschen der Unterschied in den Wahrnehmungen? Wie nehmen sie ihre Welt war?“

Frau L: „ Die Wahrnehmungen sind bei allen Betroffenen sehr unterschiedlich, denke ich. Das kann man so nicht verallgemeinern. Ich denke immer und ständig in Bildern und alles, was ich sehe oder höre muss einen „Anschluss“ an diese Bilder in meinem Kopf finden.

Wenn ich z. B einen Raum betrete, erfasse ich mit einem Mal Spannungen oder Konflikte und gehe dann sofort ins Detail und versuche immer dafür zu sorgen, dass mich diese Reize nicht „überfluten“.

Es kann auch passieren, dass ich einen Raum betrete und das Mobilar dieses Raumes ist für mich „nicht stimmig“, es ist für mich unharmonisch. Dieses „nicht stimmige“, unharmonische tut mir dann manchmal richtig körperlich weh. Ich habe dann wirklich Schmerzen in den Armen und ich bin versucht, die Möbel umzustellen. Ich nehme einfach von allem zu viel wahr und kriege zu viele Reize auf einmal in meinen Kopf.

Die Non – verbale Kommunikation zählt für mich mit zu den schwierigen Dingen im Leben. Ich verstehe es oft nicht, wenn Menschen auf einmal schweigen oder man mir irgendwelche Metaphern sagt – damit habe ich Schwierigkeiten. Ich überlege dann oft, wie das wohl gemeint sein könnte und muss alles in mühevoller Kleinarbeit auseinander „tüfteln“ um dann wieder „zusammen zu setzen“. Im Laufe des Lebens habe ich wohl fast alle Metaphern auswendig gelernt“

C.W: „ Wirkt sich AD(H)S und Autismus auch auf ihre Partnerschaft aus?“

Frau L: „Ja natürlich. Mein Mann hat es all die Jahre nicht einfach gehabt mit mir. Aber jetzt, wo ich endlich eine Diagnose für meine „ Auffälligkeiten“ habe, wird es einfacher. Wir wissen endlich woran meine „Macken“ liegen und wir können uns jetzt beide darauf einstellen. Die Diagnose war wirklich eine Erleichterung“.

C.W: „Sie denken ja, dass die Dunkelziffer unter den Erwachsenen hoch ist. Was raten sie allen Menschen, die denken und fühlen „da ist etwas“. Lohnt sich der oft sehr lange Weg zu einer Diagnose?“

Frau L: „Wenn der Leidensdruck für die Betroffenen vorhanden ist, auf jeden Fall. Meine Diagnose hat mir wirklich Erleichterung verschafft und ich fange jetzt an, „ICH“ sein zu können und zu dürfen. Wichtig ist, denke ich, dass die Betroffenen zu den entsprechenden Spezialisten gehen – AD(H)S / Autismusspezialisten.

C. W: „Würden sie persönlich sagen, dass ein Coaching, ein soziales Kompetenztraining oder ein Konzentrationstraining für betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene eine hilfreiche Methode ist?“

Frau L: „Ja, auf jeden Fall. Wir müssen uns alle konzentrieren können und wir müssen auf die ein oder andere Art „gesellschaftsfähig“ sein. Da macht auch AD(H)S und / oder Autismus keine Ausnahme. Je früher betroffene Kinder und Jugendliche mit der Diagnose AD(H)S und / oder Autismus mit solch einem Training anfangen, umso besser. Ich denke, je später ein Coaching oder Training beginnt, umso schwerer wird es für die Betroffenen. Kindern und Jugendlichen kann auf diese Weise auch ein langer Leidensweg erspart werden, der sich doch absolut negativ auf das Selbstbewusstsein auswirkt. Aber selbst im Erwachsenenalter ist ein spezielles Coaching oder Training sehr hilfreich – das sieht man ja an mir. Ich denke es ist wichtig, ein Training zu finden, das einen „nicht verbiegt“, wo man immer noch Autist oder AD(H)S´ler sein darf, aber eben wichtige Regeln für das Leben lernt und vor allem auch lernt, diese anzuwenden. Gesellschaftliche Regeln nur theoretisch zu kennen nutzt niemandem, man muss sie auch anwenden können. Ich denke auch, dass das Training oder Coaching auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt sein muss – Autist ist nicht gleich Autist und AD(H)S´ler ist nicht gleich AD(H)S´ler“.

Ich bedanke mich recht herzlich für diese offenen Worte und die Einblicke ist die Welt einer erwachsenen AD(H)S ´lerin und Autistin.

„Eine Sache ist mir noch sehr wichtig und eine Herzensangelegenheit“, sagt Frau L. nach dem Interview. „Es wird immer behauptet, Autisten fühlen nicht oder nur wenig. Das stimmt so einfach nicht. Auch Autisten können sehr wohl fühlen, sie fühlen nur ANDERS. Autisten sind nicht gefühlstot, sie können vielmehr von ihren Wahrnehmungen und Gefühlen innerlich überrollt werden.

Mir persönlich hat das Online – Coaching bei AD(H)S sehr geholfen und ich würde es immer wieder machen. Ich konnte meine Gedanken ordnen und kam aus diesem „Gedankenkreisen“ raus. Mein Leben bekam Struktur und ich konnte meine eigenen Fähigkeiten und Stärken erkennen – und darauf aufbauen.