Coach - Conny
Online - Coaching und psychologische Beratung bei Essstörungen, AD(H)S für Eltern und Erwachsene

Gastbeitrag von Christine Ambühl

"Das Kind braucht eine Therapie - seine Eltern manchmal auch"

Gastbeitrag Christine Ambühl

Ich freue mich sehr, heute wieder einen Gastbeitrag von Christine Ambühl veröffentlichen zu dürfen. Ich weiß, dass Ihr Artikel Diskussionen auslösen wird - aber es lohnt sich, sich darüber mal ernsthaft Gedanken zu machen....


Bei uns in der Praxis ist es üblich, dass die Eltern ( in den meisten Fällen ist es die Mutter ) während der Trainingseinheiten mit im Raum sind.

Dies ist unumgänglich, weil die Eltern zu Hause nach unserer Anleitung täglich mit dem Kind üben.

In den letzten Jahren konnte ich dadurch viele Arten von Eltern – Kind Beziehungen beobachten.

 

Eltern können besorgt, genervt, gleichgültig, devot, streng, kontrollierend, empathisch, übereifrig, ängstlich, abwertend - oder mehrere Varianten davon im Wechsel - im Umgang mit ihrem Kind sein. Die Aufzählung ist natürlich nicht vollständig.

In den meisten Fällen besteht in der Familie schon ein gewisser Leidensdruck durch die Anforderungen der Schule. Meistens wurden vorher auch schon eine oder mehrere andere Therapien ausprobiert.

 

Ein wichtiger Zeitpunkt ist die Befundaufnahme mit verschiedenen Messungen und Testungen.

Wenn wir dem Kind und den Eltern anhand einiger Beispiele klar aufzeigen können, warum gewisse Aufgaben aktuell gar nicht erfüllt werden können, fallen meist viele Steine von den Herzen.

Das Kind ist erleichtert und bei den Eltern wächst das Verständnis. Plötzlich wird aus dem Kind, das als unwillig, ungehorsam, faul oder unkonzentriert wahrgenommen wurde ein Kind, das mit aller Kraft versucht, die gestellten Aufgaben zu erfüllen.

Ein wichtiger Schritt für die Verbesserung der Eltern – Kind Beziehung ist damit getan.

 

In den folgenden Trainingseinheiten wird dann schnell klar, wie das Eltern – Kind Universum so gestrickt ist.

 

Es gibt Eltern, die kommentieren und bewerten jede kleine Regung und Äußerung des Kindes. Oft ist das bei Einzelkindern der Fall. Solche Kinder haben es schwer, sich frei zu entfalten.

Wir bitten dann die Eltern, sich mindestens für die Zeit der Trainingseinheiten in die Beobachterrolle zurückzuziehen und einfach nur zu genießen, wie ihr Kind frei mit uns interagiert.

 

Ganz im Gegenteil dazu gibt es Eltern, die währen der Trainingseinheit ihre Aufmerksamkeit nicht beim Kind und den Trainingsinhalten haben, sondern bei Ihrem Handy.

Diese Eltern werden von uns immer wieder bewusst mit eingebunden, denn schließlich sollen sie ja zu Hause die Übungen mit ihrem Kind zusammen korrekt umsetzen.

 

Es gibt auch Eltern, die Leibeigene ihrer Kinder zu sein scheinen ( ein Angestelltenverhältnis ohne Bezahlung sozusagen ).

Wir bringen dann den Eltern und dem Kind bei, dass das Kind bei uns die Hauptperson und deshalb selber dafür verantwortlich ist, die Trainingsmaterialien eingepackt zu haben, die Tasche zu tragen und die gerade notwendigen Utensilien aus der Tasche zu holen.

Wir bitten den begleitenden Erwachsenen, bei diesen kleinen Aufgaben völlig passiv zu bleiben.

Hier ist es köstlich zu beobachten, wie die kleinen Despoten anfänglich entrüstet reagieren aber es schon bald genießen, eigene Kompetenzen zu haben.

Noch köstlicher ist es zu sehen, wie ungemein stark sich die Erwachsenen im Zaum halten müssen um dabei passiv zu bleiben.

 

Dann habe ich eine Mutter erlebt, die sehr kühl mit ihrer Tochter umgegangen ist. Als ihre Tochter angefangen hat, mich in ihrem Beisein zu umarmen, anstatt sich nach einer anstrengenden Aufgabe eine Kuscheleinheit bei ihr selber abzuholen, ist die Mutter wach geworden. Seit dem Tag wurde der Umgang zwischen den Beiden nach und nach herzlicher.

   

Dann sind da die Eltern, die ihrem Kind helfen wollen, die gestellte Aufgabe oder Übung zu meistern. Sie können es nicht mit ansehen, wenn ihr Kind sich anstrengen muss

Sie zeigen vor, führen die Hand des Kindes und geizen nicht mit guten Ratschlägen. Gerne werden auch von uns gestellte Fragen von den Eltern in kindlichem Vokabular wiederholt, wenn das Kind nicht in Sekundenschnelle antwortet. Auch hier bitten wir die Eltern, sich zurückzuhalten und dem Kind die Zeit zu lassen, um die Aufgabe auszuführen oder eine Antwort zu geben – auch wenn es mal etwas länger dauert. Für viele Eltern ist das am Anfang schwer auszuhalten.

 

Selten mal erleben wir Eltern, die permanent von ihren eigenen Problemen erzählen wollen. Da müssen wir die Aufmerksamkeit immer wieder auf das Kind lenken und verständlich machen, dass es jetzt gerade nicht um die erwachsene Person geht.

 

Oh, und beinahe hätte ich die Eltern vergessen, die bei jeder Gelegenheit über ihr Kind lachen.

Die Kinder erlernen bei uns neue Fertigkeiten und Bewegungsabläufe. Natürlich kann das oft nicht beim ersten Versuch gelingen und es gibt tatsächlich nicht wenige Eltern, die darüber lachen.

Hier müssen wir leider manchmal recht deutlich werden oder wir fordern die Eltern auf, die Übung auch zu versuchen. Meistens ist dann das Thema recht schnell erledigt.

 

Aber natürlich können wir auch auf tolle, kooperative, verständnisvolle Eltern zählen, die zu Hause unser Co – Trainer sind. Solche Eltern bringen manchmal sogar ganz innovative Ideen mit ein und die Zusammenarbeit gestaltet sich wirklich als Teamarbeit zwischen Trainer, Kind und Eltern.

 

Und auch die oben genannten Beispiele verändern sich zum allergrößten Teil im Laufe der Zeit zum Besseren. Dann sind oft auch Konflikte im Familienalltag weg, die zusätzlich für Zündstoff gesorgt hatten.

So können wir unsere Arbeit tun und ganz nebenbei zusätzlich Gutes für die ganze Familie bewirken. Ein Zusatznutzen, der bei unserer Form der Therapie/ des Trainings meiner Meinung nach nicht zu unterschätzen ist.

 

Ich bin in meinen Beschreibungen absichtlich nicht auf unser Fachgebiet eingegangen, denn meine Beobachtungen lassen sich auf jede Disziplin übertragen.

Ich hoffe, damit einen kleinen, aber vielleicht unterschätzten Aspekt in der spannenden Arbeit mit Kindern beleuchtet zu haben.

 

Christine Ambühl

Augenoptikerin, SI Mototherapie, Assistenz Visualtraining

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Homepage: www.sine-hilft.de